Mit seinem Film Wir sind jung. Wir stand stark ruft Burhan Qurbani das Fanal von Rostock-Lichtenhagen zurück ins öffentliche Bewusstsein

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Rostock-Lichtenhagen – der Name dieses Stadtteils ging um die Welt und wird wohl immer mit dem Bild der hässlichen deutschen Fratze verbunden bleiben. Am 24. August 1992 begann hier eine beispiellose Serie von Brandanschlägen auf Asylsuchende. Mit seinem Film „Wir sind jung. Wir sind stark“ ruft Regisseur Burhan Qurbani das Fanal von Rostock-Lichtenhagen genau zur richtigen Zeit zurück ins öffentliche Gedächtnis.

Schwarz/weiß-Bilder und Farbaufnahmen wechseln sich in Burhan Qurbani Film „Wir sind jung. Wir sind stark“ ab

Schwarz-weiß-Bilder und Farbaufnahmen wechseln sich in Burhan Qurbani Film „Wir sind jung. Wir sind stark“ ab

 

Für ein paar Monate sah es so aus als könnte der Traum vom friedlichen, wiedervereinigten Deutschland Realität werden. Was dann, ab Sommer 1991, folgte, war eine Serie von Anschlägen auf Unterkünfte von Asylsuchenden, die bis heute ihren Schatten auf die jüngere deutsche Geschichte wirft. Hoyerswerda, Mölln, Solingen und Rostock-Lichtenhagen stehen für die schwärzesten Stunden der deutschen Nachwendegeschichte.

Eine ganze Reihe von Künstlern positionierte sich in den folgenden Jahren eindeutig gegen Rechtsextremismus: Bands wie Die Ärzte („Schrei nach Liebe“), Die Toten Hosen („Sascha, ein aufrechter Deutscher“) oder Slime („Schweineherbst“) und die Freie Theater Jugend unter Leitung von Christoph Lange mit dem Stück „Bis zum Anschlag“. Nur ein Film fehlte bis heute. Regisseur Burhan Qurbani schließt diese Lücke nun mit seinem Kinofilm „Wir sind jung. Wir sind stark“ – genau zur rechten Zeit, denn nationales Gedankengut in Form der Pegida-Bewegung stößt gesellschaftlich leider wieder auf größeren Widerhall.

 

Wovon handelt der Film?

Burhan Qurbani ruft in seinem Film „Wir sind jung. Wir sind stark“ die schockierenden Ereignisse von Rostock-Lichtenhagen auf die große Leinwand und zurück ins öffentliche Bewusstsein. Vier Tage lang, vom 22. bis zum 25. August 1992, tobten in Rostock-Lichtenhagen rund um das von Asylsuchenden bewohnte Sonnenblumenhaus Krawalle eines rechtsextremen Mobs.

Mit seinem Film „Wir sind jung. Wir sind stark“ versucht Burhan Qurbani nachzuzeichnen, wie es zu diesem Fanal, zur Mordlust des wütenden Mobs, aber auch zum Versagen der Polizei und vor allem dazu kommen konnte, dass die Randalierer solch großen Rückhalt in der Bevölkerung fanden.

Burhan Qurbani verdichtet hierfür die Geschichte mehrere Figuren, für die er drei Jahre lang recherchierte, zu einer insgesamt stimmigen Handlung. In einer verödeten Wohnsiedlung hängen die Jugendlichen herum und wissen nichts mit sich anzufangen. Tagsüber gelangweilt, harren sie der Nächte, um gegen Polizei und Ausländer zu randalieren.

Auch Stefan (Jonas Nay), der Sohn eines Lokalpolitikers (Devid Striesow), streift mit seiner Clique ziellos durch die Gegend. Es brodelt, aber immer nur bis kurz vor dem Siedepunkt. Ohne Job und eine Aufgabe finden die Freunde immer nur sich selbst als Ziel kleinerer und großer Grausamkeiten. Liebe ist austauschbar, Freundschaft und Loyalität sind nur Beiwerk einer aufgesetzten Ideologie.

Auch Lien (Trang Le Hong) lebt mit ihrem Bruder und ihrer Schwägerin in der Siedlung, im sogenannten Sonnenblumenhaus, das von Vietnamesen bewohnt wird. Sie glaubt in Deutschland eine Heimat gefunden zu haben, und will auch nach der Wende bleiben. Ihr Bruder und ihre schwangere Schwägerin planen hingegen die Rückkehr, weil sie vor dem Hintergrund der wachsenden Anfeindungen um ihre Sicherheit fürchten.

Es ist der 24. August als die Geschichten dieser Menschen zusammentreffen: Der Mob hat sich vor dem Sonnenblumenhaus versammelt. Auch Stefan, Robbie (Joel Basman) und die anderen sind unter den Randalierern. Die Krawalle eskalieren und schließlich wirft einer den ersten Molotow-Cocktail ins Haus. Die tatenlos zuschauende Menge klatscht Beifall.

Am Ende dieses Tages wird sich für viele das Leben geändert haben. Dabei eint sie alle die Sehnsucht nach einer Heimat, nach Liebe und einer Alternative im Leben; nach der Möglichkeit, den eigenen kleinen Traum vom Glücklichsein verwirklichen zu können.

 

Wer spielt im Film mit?

Burhan Qurbani ist für seinen Film „Wir sind jung. Wir sind stark“ auf Spurensuche gegangen und hat alleine drei Jahre recherchiert, um möglichst authentische Rollen zu gestalten. Sein Cast ist entsprechend authentisch: Vor allem junge Schauspieler spielen in „Wir sind jung. Wir sind stark“ mit. Jonas Nay (Der letzte schöne Tag, Homevideo), Joel Basman (Tausend Ozeane, Picco) und Saskia Rosendahl (Für Elise, Lore) spielen Jugendliche, die keine Skinheads sind, im Blutrausch aber doch zu rechtsextremen Tätern werden.

An ihre Seite stellt Burhan Qurbani die Generation der Eltern. Devid Striesow (Fraktus, Zeit der Kannibalen) spielt beispielsweise den Lokalpolitiker Martin, der längst jede Bindung zu seinem Sohn verloren hat und so nicht in dessen fatale Wandlung zum Täter eingreifen kann.

Trang Le Hong, Mai Duong Kieu und Aaron Le verkörpern die vietnamesischen Bewohner des Sonnenblumenhauses, die Opfer des rechtsextremen Fanals werden.

Wer hat den Film inszeniert?
Regisseur Burhan Qurbani ist selbst nicht viel älter als Großteile seines Casts. Im November 1980 in Erkelenz (Nordrhein-Westfalen) geboren, war Qurbani keine zwölf Jahre alt, als sich das Fanal von Rostock-Lichtenhagen ereignete. In seinem Film „Wir sind jung. Wir sind stark“ nutzt Qurbani die Fernsehbilder der damaligen Ereignisse virtuos: Weite Teile von „Wir sind jung. Wir sind stark“ haben er und Kameramann Yoshi Heimrath in schwarz-weiß gehalten. Farbig sind nur die Bilder von den Angriffen aus das Sonnenblumenhaus.
Qurbani gelingt es so, den Blick über die realen Ereignissen hinaus zu öffnen und Geschichten rund um die Ausschreitungen zu erzählen, die das Fanal von Rostock-Lichtenhagen in einem breiteren Licht erscheinen lassen. Ohnehin ist „Wir sind jung. Wir sind stark“ – und das ist positiv – ein Film, der ohne die verklärende Vogelperspektive auskommt. Burani und sein Co-Autor Martin Behnke vermitteln das historische Geschehen aus der Perspektive von sehr plastischen, sehr nahbaren Täter- und Opfer-Figuren. „Wir sind jung. Wir sind stark“ wird so zu ein Film, in dem scheinbare Motive im Wirrwarr der Gefühle verschwimmen.
Lohnt sich der Kinobesuch?
„Wir sind jung. Wir sind stark“ ist ein Film, der genau zur richtigen Zeit kommt. Burhan Qurbani ist mehr als ein künstlerisch anspruchsvoller Film über ein historisches Ereignis gelungen. Sein Drama rund um die Ausschreitungen von Rostock-Lichtenhagen ist brandaktuell und offenbart einige erschreckenden Parallelen zwischen dem wütenden Mob damals und den völkisch Verwirrten, die heute unter dem Pegida-Deckmäntelchen durch die Straßen von Dresden, Bonn, Berlin, München und viel zu vielen anderen Städten irren. Für jeden politisch halbwegs Interessierten ist „Wir sind jung. Wir sind stark“ deshalb ein wirklich sehenswerter Film, der auch seinen Weg in den Ethik- und Geschichtsunterricht finden wird.

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