Sie nannten es Politik: Sascha Lobo und Christopher Lauer zeichnen in ihrem Buch den „Aufstieg und Niedergang der Piratenpartei“ nach

Die Piratenpartei war das Politk-Phänomen der letzten Jahre. Erst hochgehandelt, dann zerstritten, nun auf nicht einmal mehr 9.000 zahlende Mitglieder zusammengeschrumpft. Mit ihrem gerade bei Sobooks erschienenen Buch „Aufstieg und Niedergang der Piratenpartei“ zeichnen Sascha Lobo und Ex-Pirat Christopher Lauer die Geschichte der Piraten nach.

Es gab diese Zeit, in der sie fast überall waren: auf dem Titelblatt des „Focus“, barfuß und twitternt bei „Günther Jauch“, ja selbst auf linken Demonstrationen ließen die Piraten ihre Fahnen wehen, gar nicht mal so weit entfernt vom schwarzen Block. Vielleicht war es ja der alte Hausbesetzer-Schlachtruf „Alles für alle – und zwar umsonst“, von dem die Piraten sich angezogen fühlten. Dieser Parole gaben sie mit ihrem Begehren gegen das Urheberrecht und für die „Gratiskultur“ einen digitalen Anstrich.

Dabei wohnte der Piratenpartei selbst nie etwas Subversives inne. Es war eher der Gestus des „Nichtverstandenwerdens“ und der latente Wunsch, es anders machen zu wollen, der die Piraten trieb und dem sie einige Monate lang ihren Erfolg verdankten. Die Piraten positionierten sich geschickt als Sprachrohr der Digital Natives, der Generation Y und sammelten so Stimmen: Erst im Jahr 2011 8,9 Prozent bei den Wahlen zum Berliner Abgeordnetenhaus und 2012 dann schließlich 8,2 Prozent in Schleswig-Holstein, 7,8 Prozent in Nordrhein-Westfalen und 7,4 Prozent im Saarland.

berlinstory_piratenUngefähr zu dieser Zeit schrillten im kleinen, auf Stadtgeschichte und Gegenwartskultur spezialisierten Berlin Story Verlag die Alarmglocken. Waren die Piraten nicht vor allem ein Berliner Phänomen? Entstanden aus dem Umfeld des Chaos Computer Clubs und gewachsen auf dem Humus der Berliner Internet- und Digitalszene? Zumindest gab es noch kein Buch zur Piratenpartei. Und wer, wenn nicht sie, die alle zwei Wochen ein Berlin-Buch machten, sollte es herausbringen? Berlin Story-Verleger Enno Lenze gewann damals Focus-Redakteur Armin Fuhrer und den Politologen Stefan Appelius für ein Buch über die Piraten. Sein Titel lautete „Das Betriebssystem erneuern: Alles über die Piratenpartei“. Der Titel klang ganz so als gäbe es diese Singularität, diesen – wenn auch kleinen – gemeinsamen Nenner.

Gut acht Monate nach dem Erscheinen des Buchs verließ sein Verleger, Enno Lenze, einst Pressesprecher der Berliner Piraten, die Partei im Februar 2013. Er war kein Trendsetter, eher einer von vielen, der den Piraten im Jahr der – für sie mit gerade einmal 2,2 Prozent Stimmenanteil letztlich bitter enttäuschenden – Bundestagswahl den Rücken kehrte.

Mit „Aufstieg und Niedergang der Piratenpartei“ legen Sascha Lobo und Christopher Lauer nun, anderthalb Jahre nach der Veröffentlichung von „Das Betriebssystem erneuern“, das insgesamt zweite Buch zur Piratenpartei vor. „Es soll eine Analyse von innen und von außen sein“, erklärt Lauer im Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. „Und es geht um die Frage: Was lernt man aus den Piraten?“

 

Wer hat das Buch geschrieben?

lobolauerpiratenWährend Fuhrer und Appelius im Berlin Story Verlag eher eine objektive, wenngleich inzwischen von der Zeit überholte Momentaufnahme des Phänomens „Piratenpartei“ wagten, geht es Sascha Lobo und Christopher Lauer darum, mit ihrem Buch Gründe für den Erfolg und vor allem Niedergang der Piraten zu benennen und aufzuzeigen, welchen Einfluss die Partei auf Politik und Gesellschaft hatte.

Genau hier liegt allerdings das Problem von „Aufstieg und Niedergang der Piratenpartei“. Sascha Lobo ist zweifelsfrei eine Lichtgestalt der deutschen Digitalszene und ein erfolgreicher Autor von Büchern wie „Wir nennen es Arbeit“ oder „Strohfeuer“.

Weder er noch Christopher Lauer können den Piraten aber wirklich objektiv gegenüberstehen. Lauer war bis September 2014 selbst Mitglied der Piraten und räumt ein, „beim Schreiben des Buchs noch mal richtig aggressiv geworden“ zu sein. Und Sascha Lobo spricht im gleichen Interview davon, er hätte aufgrund des dort verbreiteten „gefährlich naiv technizistischen Verständnisses Welt“ zunächst „wenig Sympathie“ für die Piraten gehabt.

 

Lohnt sich der Kauf des Buchs?

Lobos und Lauers bei Sobooks erschienenes Piratenbuch dürfte eine ziemliche Gratwanderung zwischen scharfsinniger Analyse, Insiderwissen und in einigen Teilen sicher auch einer Abrechnung mit alten politischen Weggefährten sein.

Hoffnung macht, dass Lobo und Lauer zumindest um Objektivität bemüht sind. „Ich glaube nach wie vor, dass die Idee, die hinter den Piraten stand (…) nach wie vor benötigt wird“, lässt sich Sascha Lobo von der FAZ zitieren. Für ihn sind die Piraten „ein notwendiges, aber vorerst gescheitertes Labor für die digitale Demokratie“.