Von Chiffren und Codes: Roman Ehrlich erzählt mit „Urwaldgäste“ aus dem scheinbaren Alltag

Lange hat Roman Ehrlich seine Leser nicht warten lassen: Gerade einmal 14 Monate liegen zwischen der Veröffentlichung seines Debüt-Romans „Das kalte Jahr“ und seinem nun erschienenen zweiten Buch „Urwaldgäste: Erzählungen“. Und er hat gut daran getan, nicht allzu viel Zeit ins Land streichen zu lassen, denn wie kaum ein anderer Literat surft Ehrlich gerade auf der Welle der Bestätigung, die ihm aus Literaturkritik und Literaturwissenschaft entgegenbrandet.

Roman Ehrlichs neues Buch „Urwaldgäste: Erzählungen“ ist gerade einmal 272 Seiten lang und doch erzählt der 1983 in Aichach Geborene die hierin enthaltenen, zehn Geschichten urwaldgaestemit einem solch eigenständigen Stil und einer so großen inhaltlichen Brillianz, dass er dem – wegen seines preisgekrönten Debüts „Das kalte Jahr“ – zurecht an ihn herangetragenen Anspruch, die neue Hoffnung der deutschen Literatur zu sein, voll gerecht wird.

 

Wovon handelt das Buch?

Wie kaum ein anderer Autor versteht es Roman Ehrlich, mit wachen Augen durch den Alltag zu gehen und dem täglichen, medialen und gesellschaftlichen Einerlei scharfsinnig den Stoff für seine Erzählungen abzugewinnen. In „Urwaldgäste“ greift Ehrlich scheinbar wahllos zehn Episoden aus dem täglichen Leben heraus, die beispielhaft oder auch schlicht vollkommen belanglos sein können.

Was seine Motivation betrifft, lässt sich der Erzähler nicht in die Karten blicken, wenn in einer Quizsendung das Gespräch zwischen Moderator und Kandidatin beispielsweise auf einmal sehr persönlich wird oder im Aquapark Sealife eine Seekuh einen Kinderkassettenplayer mit merkwürdigen Aufnahmen ausspuckt.

Ehrlich überlässt es dem Leser, ob dieser die – beispielsweise in der am Anfang des Buchs stehenden Erzählung „Dinge, die sich im Rahmen meiner temporären Anstellung bei der Grinello Clean Solutions ereigneten“ – zahlreich verwendeten Codes und Chiffren erkennen und entschlüsseln kann.

 

Wer hat das Buch geschrieben?

Der Stil der „Urwaldgäste“-Erzählungen ist kein dokumentarischer. Roman Ehrlich findet vielmehr große Freude daran, scheinbar reale Alltagsepisoden zu verfremden – inhaltlich genauso wie stilistisch. „Urwaldgäste“ ist das Buch eines Autoren, der für sich selbst die „Freiheit des Erzählens“ beansprucht und ein Faible für „Grenzüberschreitungen“ hat. So formulierte Ehrlich es in seiner Dankesrede beim „Förderpreis des Bremer Literaturpreises“ und hierdurch gewinnen die Bücher des heute 31jährigen eine große künstlerische Eigenständigkeit. Was die Konfiguration der Figuren betrifft, erinnern Ehrlichs Erzählungen am ehesten an manche Werke von Bertolt Brecht. Und was sein Spiel mit Codes und Chiffren angeht, wandelt Ehrlich virtuos auf den Spuren Franz Kafkas.

 

Lohnt sich der Kauf des Buchs?

Wer auf der Suche nach leichter Unterhaltung ist, sollte die Finger von „Urwaldgäste“ lassen. Ehrlichs neues Buch eignet sich nur auf den ersten Blick für die schnelle, flüchtige Lektüre. Sicher funktionieren die Erzählungen über scheinbar Alltägliches in den Medien, im Büro oder in der Berliner Ringbahn auch, wenn man sie nicht entschlüsselt. Die eigentliche Qualität von Ehrlichs neuem Buch offenbart sich dem Leser aber erst dann, wenn er es schafft, einen Blick hinter die Kulissen zu werfen.

In einem Radiointerview findet sich eine, von Insa Welke für Zeit Online entdeckte Aussage Ehrlichs, die der Schlüssel zu seinen Erzählungen ist: „Ich habe Figuren darstellen wollen, die sich in ihren Lebens- und Arbeitsverhältnissen, einem Ort mit undurchschaubaren Regeln, wie zu Gast fühlen“, erklärt der Literat dort. Nur, wenn der Leser den Urwald dieser „undurchschaubaren Regeln“ für sich zu lichten vermag, entfaltet Roman Ehrlichs neues Buch seine volle künstlerische Kraft.