Mit ihrem Buch „Samba für Frankreich“ leistet Delphin Coulin einen wichtigen Beitrag zur Flüchtlings-Debatte

Was macht gute Literatur aus? Sind es ästhetische Details oder ist es die Botschaft, die ein Autor mit seinem Buch vermittelt? Nähert man sich Delphin Coulins Roman „Samba für Frankreich“ rein literaturwissenschaftlich, fällt das Buch durch. Seine eigentliche Bedeutung bezieht Coulins bereits verfilmte Flüchtlings-Geschichte aus ihrer politischen Botschaft.

Tageskarte 10.12.14/ Buch/ Delphine Coulin: Samba für Frankreich

Omar Sy spielt die Hauptrolle in „Heute bin ich Samba“, dem Film zum Buch

 Fühlt es sich gut an, als Kritiker die eigenen ästhetischen Maßstäbe über Bord zu werfen? Eigentlich nicht. Eigentlich ist es ein merkwürdiges Gefühl, mit zweierlei Maß zu messen. Und doch lässt die Enstehungsgeschichte mancher Werke keine andere Option zu. So ist es mit den biographisch geprägten Romanen Edgar Hilsenraths, die dem Leser mit ihren hyper-naturalistischen Schilderungen („Nacht“) oder mit ihrem tiefschwarzem Zynismus („Der Nazi und der Friseur“) einiges zumuten, aber gerade deshalb zu den wichtigsten Büchern über die Shoah zählen. So ist es mit dem von Campino (Die Toten Hosen) initiierten deutschen „Band Aid 30“-Song „Do they know it’s Christmas?“, der musikalisch kaum gelungen ist, als kommerziell erfolgreiches Mittel im Kampf gegen Ebola aber immer mehr an Relevanz gewinnt. Und so ist es auch mit dem Roman „Samba für Frankreich“ der französischen Buch-Autorin und Filme-Macherin Delphin Coulin.

Stilistisch gesehen, ist „Samba für Frankreich“ misslungen. Viele Sprachbilder wirken zu klischeehaft, zahlreiche Sätze triefen vor Pathetik und einige Szenen sind fast bis ins Surrealistische hinein kitschig gehalten. Es wäre aber weit verfehlt, den Roman deshalb zu verreißen. Die Entstehungsgeschichte und die Botschaft, die Delphine Coulin mit ihrem Buch verknüpft, machen aus „Samba für Frankreich“ einen politisch bedeutsamen Roman. Delphine Coulin gelingt es, den Leser mit ihrem Buch wachzurütteln.

 

Wer hat das Buch geschrieben?

Delphin Coulin ist in Deutschland bislang vor allem durch den von ihr inszenierten Film „17 Mädchen“ über 17 Teenager bekannt, die aus Protest schwanger werden, ohne die Konsequenzen zu überdenken. In Frankreich mausert sich Delphin Coulin, aus deren Feder die bislang nicht ins Deutsche übersetzten Bücher „Les mille-vies“ und „Les Traces“ stammen, gerade zum Star. Ihr Buch „Samba für Frankreich“ und die von den „Ziemlich beste Freunde“-Machern Eric Toledano und Olivier Nakache inszenierte Adaption „Heute bin ich Samba“ haben in Frankreich eine gesellschaftliche Diskussion ausgelöst. Den Film, der am 26. Februar auch in Deutschland startet, haben sich alleine 2,5 Millionen Franzosen im Kino angesehen.

Die Idee zum Buch und damit auch zum Film kam Delphin Coulin eher zufällig. Sie hat eine Zeit lang ehrenamtlich beim Flüchtlings-Hilfswerk „La Cimade“ gearbeitet. Die realen Leidensgeschichten, die sie dort gehört hat, hat Coulin für ihr Buch zur fiktiven Biographie des aus Mali stammenden Flüchtlings „Samba Cissé“ verdichtet. An seinem literarischen Beispiel leistet Coulin einen eindrucksvollen Beitrag zur Flüchtlingsdebatte.

 

Wovon handelt das Buch?

Samba Cissé heißt der Protagonist in Delphin Coulins Roman „Samba für Frankreich“.  Der Leser trifft ihn im Paris der Gegenwart. Zu diesem Zeitpunkt hat Samba Cissé bereits eine samba-fuer-frankreichwahre Höllenfahrt hinter sich. Mit 19 Jahren ist er aus seinem vom Bürgerkrieg gezeichneten Heimatland aufgebrochen. Weder die Durchquerung einer Wüste, die Überquerung des Mittelmeers noch die Passage durch vier Länder haben Samba davon abgehalten, ins gelobte Land zu kommen – nach Frankreich.

In Paris muss Samba aber schnell merken, dass die Stadt für ihn und die meisten anderen Flüchtlinge alles andere als ein Paradies ist. Zwar würde die blitzsaubere Hochglanz-Metropole, das betont Delphin Coulin in ihrem Buch gleich mehrmals, ohne die hart arbeitenden Flüchtlinge zusammenbrechen. Frankreich bleibt Menschen wie Samba aber dennoch verschlossen. Samba lebt unter falschem Namen und mit falschen Papieren, um nicht abgeschoben zu werden und sich von Aushilfsjob zu Aushilfsjob zu angeln. Er schuftet als Putzkraft, sortiert Müll, dient sich als Hilfskraft auf dem Bau an und doch Samba in den 10 Jahren, die er schon in Paris lebt, kaum Geld für Lebensmittel, Kleidung und ein zumindest halbwegs wohnliches Zuhause.

In ihrem Buch „Samba für Frankreich“ zeichnet Delphin Coulin das Bild einer Parallel-Gesellschaft. In ihr kommt es zwar – wie zwischen Samba und der Kongolesin Gracieuse – auch manchmal zu schönen, liebevollen Momenten. Prägend sind aber der Alltagsrassismus und die Existenzängste, mit denen Samba ständig konfrontiert wird. In den Hinterhöfen von Supermärkten balgt er sich mit anderen Außenseitern um verdorbene Lebensmittel, muss in Abschiebehaft mit ansehen, wie andere Flüchtlinge Selbstmordversuche mit Tabletten, Nägeln und Rasierklingen begehen und doch fühlt sich Samba Frankreich als Land und seinen Menschen seltsam verbunden.

 

Lohnt sich der Kauf des Buchs?

Delphin Coulin ist mit ihrem Roman „Samba für Frankreich“ ein Buch gelungen, das – aller stilistischen Schwächen zum Trotz – seiner klaren politischen Botschaft wegen eine der wichtigsten Neuerscheinungen in diesem Jahr ist. Nie zuvor wurde das Schicksal von Flüchtlingen in Europa so eindrucksvoll und detailliert mit literarischen Mitteln beschrieben.

„Samba für Frankreich“ bietet so auch all jenen Menschen einen Zugang zu diesem Schattenthema unserer Gesellschaft, die nie auf die Idee kämen, Zeitungen wie „Die Zeit“ in die Hand zu nehmen, und Nachrichten am liebsten auf RTL 2 gucken. Wer sich über das Schicksal von Menschen, die mitten unter uns in der Anonymität leben müssen, interessiert, dem sei „Samba für Frankreich“ hiermit sehr empfohlen.