Tana Frenchs neues Buch „Geheimer Ort“ ist Krimi, Coming-of-Age- und Internatsgeschichte in einem

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Sie heißen Salem, Oxford, Louisenlund, Eton, Neubeuern oder Rosenberg und zählen zu den verschwiegensten Orten Europas: In Internaten werden – meist abseits des ablenkenden Großstadttrubels und für nicht selten mehr als 30.000 Euro Schulgeld pro Jahr – die Manager und Unternehmer von morgen herangezogen. Wer sich durchsetzt, zählt zur Leistungselite und hält mit dem Schulabschluss gleichzeitig die Eintrittskarte für den Club der oberen Zehntausend in der Hand.

So viel Exklusivität weckt neben Argwohn und Neid auch das Interesse von Filme-Machern und Buch-Autoren. Zahlreiche bekannte Werke der letzten Jahre handeln vom Leben in Internaten: Julia Friedrich hat Internaten in ihrem kontrovers diskutierten Sachbuch „Gestatten Elite – Auf den Spuren der Mächtigen von morgen“ zahlreiche Seiten gewidmet. Benjamin Lebert debütierte einst mit seinem autobiographischen Roman „Crazy“, in dem er seine Zeit in Neubeuern (im Buch: „Neuseelen“) verarbeitete. In leicht abgewandelter Form begegnen einem Internaten auch als Hogwarts in Joanne K. Rowlings „Harry Potter“-Romanen und in sogar Dennis Gansels Film „Napola – Elite für den Führer“. Max Riemelt, der zurzeit mit „Auf das Leben“ in den Kinos zu sehen ist, spielte in Dennis Gansels Film über Nazizeit einen Schüler, der auf Hitlers Geheiß hin zum „Gauleiter von Kapstadt oder New York“ herangezüchtet werden sollte.

Doch was passiert, wenn in solch einem geschlossenen Mikrokosmos plötzlich ein Mord begangen wird? Dieser Frage geht die irische Buch-Autorin Tana Frenchs in ihrem kurz vor Weihnachten erschienenen Krimi „Geheimer Ort“ nach.

 

Wovon handelt das Buch?

Im Mittelpunkt von Tana Frenchs Buch „Geheimer Ort“ steht das Elite-Internat St. Kilda. Der junge, ehrgeizige Detective Stephen Moran wird gemeinsam mit seiner Kollegin von der Dubliner Mordkomission hierher gerufen, als an der, von den Schülern „Geheimer Ort“ genannten Pinnwand des Internats eine Karte mit dem Foto eines ermordeteten Jungen und den Worten „Ich weiss, wer ihn getötet hat“ gefunden wird.

In Tana Fenchs neuem Buch „Geheimer Ort“ fahnden zwei Detectives an einem Elite-Internat nach einem Mörder

In Tana Fenchs neuem Buch „Geheimer Ort“ fahnden zwei Detectives an einem Elite-Internat nach einem Mörder

Stephen Moran wittert die große Chance auf einen Karrieresprung: Er möchte endlich die Abteilung für ungelöste Fälle verlassen und ins Morddezernat aufsteigen. Zwar gibt ihr Chef ihm und seiner Kollegin Detective Antoinette Conway nur einen Tag, um den Fall zu lösen. Moran und Conway machen bei ihren Ermittlungen aber schnell Fortschritte und können den Kreis der Verdächtigen auf acht Mädchen aus zwei verfeindeten Cliquen einschränken.

Damit beginnt für Stephan Moran und Antoinette Conway aber erst die eigentliche Arbeit in Tana Frenchs Buch „Geheimer Ort“, denn die acht Teenager entpuppen sich in den Verhören als Meisterinnen der Manipulation. Sie entführen die beiden Detectives auf ein Glatteis aus Lügen und gegenseitigen Schuldzuweisungen.

Als sei das Wirrwarr aus Halbwahrheiten für die beiden Detectives noch nicht herausfordernd genug, verschlechtert sich ihre Situation dramatisch, als sich einer ihrer Kollegen einmischt: Er setzt den karrierebeflissenen Moran und die Außenseiterin Conway unter Druck, um seine Tochter zu schützen, die zum Kreis der Verdächtigen zählt.

 

Wer hat das Buch geschrieben?

„Geheimer Ort“ ist schon das fünfte Buch der erfolgreichen irischen Krimi-Autorin Tana French. Geboren in den USA und aufgewachsen in Irland, Italien und Malawi lebt Fench seit 1990 in Irland und arbeitete nach einer Schauspielausbildung am Trinity College einige Zeit lang für Theater, Film und Fernsehen. 2009 gewann Tana French als beste Debütantin den renommierten „Edgar Allan Poe Award“. Ihr erstes Buch, „Grabesgrün“, begeisterte die Jury und bildete den Start einer Krimi-Reihe rund um die Dubliner Polizei, dessen fünftes Buch „Geheimer Ort“ ist.

Als Autorin begeistert Tana French international vor allem für ihr Talent, vielschichtig zu erzählen. Auch „Geheimer Ort“ funktioniert als Buch so gut, weil es viel mehr ist als nur ein simpler Kriminalroman. Tana French erzählt über die Geschichte von zwei Polizisten, die versuchen, einen Mordfall zu klären, auch eine großartige Coming-of-Age-Geschichte, die im Internats-Mileau angesiedelt ist.

Seine Spannung bezieht „Geheimer Ort“ daraus, dass Tana French parallel zu den Verhörszenen Stück für Stück auch enthüllt, was sich in den Monaten vor dem Mord in St. Kilda abspielte. Der Leser ist den beiden Detectives so immer eine Nasenlänge voraus und erhält zudem Einblick in das Seelenleben von Teenagern, die zur Elite von morgen zählen sollen, die inmitten der Pubertät aber eigentlich ganz andere Dinge beschäftigen: Freundschaft, Liebe, Vertrauen und Versagensängste beispielsweise.

 

Lohnt sich der Kauf des Buchs?

Tana French hat das Kunstück vollbracht, ein Buch zu schreiben, das auf gut 700 Seiten gleich drei Genres bedient und sich deshalb – je nach Lesart – für ganz unterschiedliche Zielgruppen eignet. „Geheimer Ort“ funktioniert als Kriminalroman zum Miträtseln genauso gut wie als Coming-of-Age-Geschichte über das Seelenleben von ganz normalen Teenagern, die am Erwartungsdruck zu zerbrechen drohen.

En passant reiht sich French mit dem fünften Buch ihrer Reihe über die Dubliner Polizei zudem nahtlos in die Tradition der Internatsliteratur ein und liefert eine im Detail zwar fiktive, strukturell aber treffende Analyse der selbsterklärten Leistungselite. So sieht gute Literatur aus.