Mit seinem Biopic „Härte“ zeichnet Rosa von Praunheim das Leben des ehemaligen Zuhälters Andreas Marquardt nach

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Dieser Mann war eine Legende: Viele Jahre lang war Andreas Marquardt der ungekrönte König des Berliner Rotlichtmileus. In Rosa von Praunheims Film „Härte“ kehrt Andreas Marquardt nun zurück – gespielt von Hanno Koffler. „Härte“ kommt am 23. April ins Kino, ein düsteres, stark inszeniertes und gespieltes Biopic.

 

Mitte Dezember 2006, als Andreas Marquardt seine Autobiografie „Härte – Mein Weg aus dem Teufelskreis der Gewalt“ veröffentlichte, löste sein Buch eine Welle der Empörung und zeitgleich auch der Sympathie aus.

Natürlich gab es schon damals Dokumentationen über die „starken Jungs“, über Hamburger Zuhälter wie Stefan Hentschel, Waldemar „Neger-Waldi“ Dammer oder Thomas „Karate-Thommi“ Born – die Zeit ihrer Macht über die Reeperbahn und ihrer Ohnmacht gegenüber besser organisierten Banden. Nie zuvor aber hatte einer dieser Rotlicht-Könige

„Härte“, das Biopic von Rosa von Praunheim nach dem Vorbild von Andreas Marquardts gleichenamiger Autobiographie, startet am 23. April im Kino

„Härte“, das Biopic von Rosa von Praunheim nach dem Vorbild von Andreas Marquardts gleichenamiger Autobiographie, startet am 23. April im Kino

einen so tiefen Einblick in seine Seelenleben gewährt wie es Andreas Marquardt mit seiner Autobiografie „Härte – Mein Weg aus dem Teufelskreis der Gewalt“ tat.

Andreas Marquardt, der zwanzig Jahre einer der brutalsten Zuhälter in Berlin, Hamburg, Frankfurt und Essen war und unter anderem wegen Menschenhandel und Waffenbesitz achteinhalb Jahre in den JVA Tegel und Moabit saß, hatte sein Schweigen im Gefängnis gebrochen und sich für „Härte“ seinem Psychotherapeuten und Co-Autor Jürgen Lemke anvertraut.

 

Wovon handelt Rosa von Praunheims Film „Härte“?

Rückblickend wirkt es fast schon ein wenig seltsam, dass es mehr als acht Jahre gebraucht hat, bis mit dem Regisseur Rosa von Praunheim („Tunte lügen nicht“, „Die Jungs vom Bahnhof Zoo“) ein Filmemacher den Stoff von Andreas Marquardts Leben und Autobiographie „Härte“ fürs Kino entdeckt. Das lange Warten hat sich aber definitiv gelohnt.

Mit seinem Film „Härte“, einer stimmig inszenierten Collage aus Interviews, Dokumentar- und Spielfilmsequenzen, bringt Rosa von Praunheim die wesentlichen Momente aus dem Leben von Andreas Marquardt auf die große Leinwand. Der weitgehend linear erzählte Film „Härte“ beantwortet – wie schon die Vorlage, das Buch „Härte – Mein Weg aus dem Teufelskreis der Gewalt“ – zentrale Fragen: Wie wuchs Andreas Marquardt auf? Woher kam sein Hass auf und seine Verachtung auf Frauen? Wie schaffte er es, mehr als zwei Jahrzehnte als Zuhälter aktiv zu sein? Welche Auswirkungen hatte die Zeit im Gefängnis auf ihn? Und wie gelang es Andreas Marquardt, nach seiner Entlassung zurück ins normale, „bürgerliche“ Leben zu finden?

Schonungslos fällt dabei nicht nur der Blick auf die schwere Kindheit in Berlin-Neukölln aus, die Andreas Marquardt für das Leben geprägt hat: Als Zweijähriger übergießt sein Vater ihn mit Wasser und stellt ihn bei Minusgraden auf den Balkon. Als Marquardt sechs Jahre alt ist, beginnt ihn die Mutter zu missbrauchen. Seine Aggressionen versucht Andreas Marquardt zunächst im Kampfsport auszuleben. Er wird Berliner Meister im Judo und fünfzehnfacher Europameister in Karate. Doch als ihm angeboten wird, im Rotlichtmileu zu arbeiten, rutscht Andreas Marquardt ab in eine Welt aus Geld, Gewalt und Zuhälterei.

Sein durch den jahrelangen Missbrauch durch seine eigene Mutter verursachter Hass auf Frauen bricht sich Bahn. Traumatisiert von seinen eigenen sexuellen Erfahrungen, tritt Andreas Marquardt roh und herrisch gegenüber Frauen auf – auch beziehungsweise erst recht dann, wenn sie ihn wie die Buchhalterin Marion hierfür verehren.

Marion ist es schließlich auch, die Andreas Marquardt bis heute treu bleibt und ihm nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis hilft, zurück ins „bürgerliche“ Leben zu finden: Als er entlassen wird, gründen Andreas Marquardt und Marion eine Kampfsportschule in Neukölln, in der Marquardt bis heute Kinder und Jugendliche unterrichtet.

Mit „Härte“ erzählt Rosa von Praunheim all jene Episoden mit filmischen Mitteln, komprimiert zu einem 89 Minuten langen Biopic, das seinen dokumentarischen Stil und dadurch besticht, ohne den moralischen Zeigefinger auszukommen.

 

Wer spielt in Rosa von Praunheims Film „Härte“ mit?

Dass die Adaption von Andreas Marquardts Autobiographie nicht in Pathos und Klischee abrutscht, ist neben dem guten Buch (Nicolaus Woche, Jürgen Lemle, Rosa von Praunheim) vor allem auch dem überzeugend spielenden Cast zu verdanken.

Der aus Filmen wie „Freier Fall“ oder „Coming In“ bekannte Hanno Koffler verkörpert Andreas Marquardt in „Härte“ in all seiner Zerrissenheit so glaubhaft wie differenziert, dass der Zuschauer die Wandlung vom missbrauchten Kind über den brutalen Zuhälter bis hin zum rehabilierten und sozial engagierten Kampfsportlehrer hautnah mitverfolgen kann.

Und während Katy Karrenbauer in der dokumentarisch bedingt fast schon etwas eindimensional unsympathisch-bösen Rolle von Andreas Marquardts Mutter stoffbedingt zumindest ab und an ihr Können aufblitzen lässt, hält Rosa von Praunheims „Härte“ mit der von Luise Heyer („Ein Geschenk der Götter“) gespielten Marion eine der wohl spannendsten, vielseitigsten Figuren bereit, die seit Langem im Kino zu sehen war: Glaubhaft verkörpert Luise Heyer („Ein Geschenk der Götter“) Marion, die von der gelangweilten Buchhalterin zur Prostiuierten und Geliebten wird, um Andreas Marquardt letztlich wie eine Art „dea ex machina“ den Weg in eine normales Leben zu ebnen.

 

Lohnt es sich Rosa von Praunheims Film „Härte“ im Kino zu sehen?

Absolut. Rosa von Praunheim ist es mit „Härte“ gelungen, aus Andreas Marquardts facetten- und schattenreichen Leben und seiner beklemmenden Autobiographie einen Film zu machen, der nicht nur von Verrohung erzählt, sondern gleichzeitig auch moralische Maßstäbe infrage stellt. Am Beispiel des von Hanno Koffler grandios verkörperten Andreas Marquardt zeigt Rosa von Praunheims Film „Härte“, wie schnell Menschen verrohen können und dass es für ihre Grenzüberschreitung immer auch Gründe gibt, die oft nur im Verborgenen liegen.

Wie schon Andreas Marquardt mit seiner Autobiographie „Härte – Mein Weg aus dem Teufelskreis der Gewalt“ leistet Rosa von Praunheim mit ihrem dokumentarischen, meist in schwarz-weiss Bildern gehaltenen Biopic „Härte“ einen wesentlichen und sehenswerten Beitrag zur fortwährenden Diskussion um Ursache und Wirkung von Hass, Verachtung und Gewalt.

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