Collage aus der Gosse: Dimitrij Walls Debütroman Gott will uns tot sehen

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Schon Mitte März erschienen und bislang dennoch kaum beachtet ist Dimitrij Walls Roman „Gott will uns tot sehen“. In seinem Debütroman zeichnet der heutige Vice-Redakteur eine Art „Gesellschaftsporträt von unten“: „Gott will uns tot sehen“ malt das brutal ehrliche Bild von russischen Einwandererkindern, die in Bielefeld auf der Suche nach dem Sinn des Lebens und vor allem auf der Suche nach sich selbst zu sein.

„Die Bundesregierung möchte gutes Leben nicht nur materiell verstehen. Wohlstand ist eben nicht nur der Kontostand. Die Bundesregierung will ein neues Modell zur Messung des Wohlstands entwickeln, das gesellschaftlichen Wohlstand weiterfasst und auch soziale Teilhabe oder etwa Ökologie berücksichtigt. Und nun möchten wir wissen: Was sind Ihre Maßstäbe für Wohlstand und Lebensqualität? Was macht aus Ihrer Sicht ein gutes Miteinander aus?“,

erklärte am Sonntag Georg Streiter, der stellvertretende Sprecher der Bundesregierung in einer Videobotschaft auf dem Facebook-Profil der Bundesregierung. Man möchte Georg Streiter, so wie er dort im mausgrauen Maßanzug, weißem Hemd und dezent-lilalener

Rede zur Lage der Nation: Regierungssprecher Georg Streiter lädt per Facebook-Video ein, Wohlstand neu zu definieren

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Krawatte im Bundespresseamt sitzt, zurufen, er und seine Kollegen mögen doch einmal einen Blick in „Gott will uns tot sehen“ werfen, den neuen Roman von Dimitrij Wall.

Vielleicht wäre die Lektüre ganz hilfreich für Herrn Streiter und die Seinigen. Vielleicht würden sie begreifen, dass Dialog nur dann möglich ist, wenn man denjenigen, die ganz unten stehen, die Möglichkeit gibt, mitzusprechen. Dass Partizipation nicht an der demokratischen Theorie, sondern am praktischen Alltag scheitert, macht Dimitrij Wall mit seinem Roman „Gott will uns tot sehen“ mehr als deutlich: Auf 280 Seiten begegnet dem Leser von „Gott will uns tot sehen“ vor allem eines: soziale Kälte, Sprach- und Gefühslosigkeit.

 

Wovon handelt Dimitrij Walls Roman „Gott will uns tot sehen“?

Schon der Klappentext zu Dimitrij Walls erstem Roman macht deutlich, in welchem Mileu sich das wahre, wirkliche Leben außerhalb der Regierungsbauten in Berlin-Mitte abspielt:

Da saßen wir, aufgemischte Aussiedlerkinder mit blutigen Nasen und geschwollenen Lippen, auf einem Bordstein, im matten Bielefeld, tausende Kilometer westlich des Urals, der Felsenmauer, hinter der wir nie hätten hervorkommen sollen. Aber wir waren weiter gekommen als die Truppen Dschingis Khans,

entführt Dimitrij Wall den Leser von „Gott will uns tot sehen“ in eine scheinbare Parallelwelt, die er durch seinen Ich-Erzähler in Ostwestfalen ansiedelt, deren Begebenheiten sich aber genauso gut auch in Köln-Kalk, Berlin-Wedding, Hamburg-

Mit seinem Debütroman „Gott will uns tot sehen“ zeichnet Dimitrij Wall das Schicksal von Migrantenkindern nach

Mit seinem Debütroman „Gott will uns tot sehen“ zeichnet Dimitrij Wall das Schicksal von Migrantenkindern nach

Wilhelmsburg oder in Cottbus abspielen könnten. Es ist eine Welt, aus der sich der heutige VICE-Autor Dimitrij Wall selbst emporgearbeitet hat, in der aber viele weit mehr als nur ihre Kindheit und Jugend verbringen.

Gott als eine ordnende, sinnstiftende Macht ist dabei nur im Titel von Dimitrij Walls Roman „Gott will uns tot sehen“ präsent. Im Alltag des epischen Personals hingegen fehlt jeder Sinn. Daran lässt Dimitri, der Ich-Erzähler, keinen Zweifel. Sein Leben am Rand der ostwestfälischen Gesellschaft beschreibt er als „Scheißleben“.

Dimitri fristet ein tristes Dasein zwischen Abhängen und Doseneintopf, Kiffen und Kabelfernsehen das getrübt wird durch Streit mit dem Vater und Ärger mit Frauen. Geldsorgen treiben ihn schließlich zu einer Odyssee durch die Welt der Mini- und Aushilfjobs – bei der er sich von Zeitarbeitsstelle zu Zeitarbeitsstelle hangelt – um in den stickigen Produktionshallen Muskelkater und Erschöpfung statt Dankbarkeit und Geld zu ernten.

Auch den anderen Figuren in Dimitrij Walls literarischem Erstling „Gott will uns tot sehen“ geht es nicht besser.  Jeder soziale Kontakt, das Abhängen mit Freunden und Bekannten genauso wie der meist schnelle, lieblose Sex mit Frauen bleibt oberflächlich, unverfänglich. Solidarität und soziale Wärme stellen sich nicht ein – in diesem Leben, das die zahllosen Figuren miteinander teilen: Jeder ist auf der Flucht vor dem Hier und Jetzt, ohne einen Plan und eine wirkliche Perspektive zu haben.

 

Lohnt es sich, Dimitrij Walls Roman „Gott will uns tot sehen“ zu lesen?

Mit „Gott will uns tot sehen“ zeichnet Dimitrij Wall ein schonungsloses, sprachlich knöchernes Porträt einer ganzen Generation von Migranten- und Unterschichtkindern, die in einem Land fernab ihrer Heimat aufwachsen, ohne dort jemals anzukommen, geschweige denn angekommen zu sein. Die Handlung von „Gott will uns tot sehen“ wirkt – der Roman wird von einem ebenfalls im sozialen Nirvana gestrandten epischen Ich erzählt – folgerichtig ziemlich karg.

Genau hierin und in der deftigen, wütenden Sprache liegt aber die eigentliche Stärke von Dimitrij Walls Roman. „Gott will uns tot sehen“ ist ein Buch, das nichts beschönigt, sondern sehr nüchtern, fast schon mechanisch ein Bild von denen „da unten“ zeichnet, die viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt sind, um die von Georg Streiter so blumerant transportierte Einladung zum Wohlstandsdialog überhaupt zu registrieren.

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