Benjamin Lebert erfindet sich mit seinem neuen Roman „Mitternachtsweg“ neu

1999, als sein Debütroman „Crazy“ erschien, galt er als Wunderkind: Benjamin Leberts Debütroman wurde in 33 Sprachen übersetzt, verfilmt und erreichte bis heute eine Auflage von über 1,5 Millionen Exemplaren. Der ganz große Erfolg blieb dem heutigen Hamburger mit Nachfolgern wie „Der Vogel ist ein Rabe“, „Kannst Du“ und „Im Winter dein Herz“ versagt. Doch nun meldet sich Lebert mit „Mitternachtsweg“ eindrucksvoll zurück.

 

Wie und worüber schreibt ein Über-30jähriger, der einst mit einer Internatsgeschichte debütierte und sich auch danach mit Romanen wie „Der Vogel ist ein Rabe“ und „Kannst Du“ zu lange an Geschichten über Heranwachsende festhielt? Vielleicht so wie Benjamin Lebert, der mit „Mitternachtsweg“ gerade – nach „Im Winter dein Herz“ – seinen zweiten mitternachtswegRoman im Hoffmann und Campe Verlag vorgestellt hat. Vielleicht ist es manchmal gut, mit eigenen Erzählmustern zu brechen – und sei es, wenn man sich dafür – wie Lebert – an Klassikern wie Theodor Storms „Der Schimmelreiter“ orientiert.

Auch in Leberts „Mitternachtstraum“ spielt die Nordsee als Motiv eine tragende Rolle. Die Liebe einer jungen Frau zu einem von den Nazis verfolgten Flüchtling endet abrupt, als das Paar – einem alten Brauch folgend – auf dem Mitternachtsweg mitten im Watt von der Flut überrascht wird und sie ertrinkt. Doch die Tote findet keine Ruhe und taucht als Wiedergängerin im Hamburg der Gegenwart wieder auf, um sich einem Heavy Metal liebenden Studenten anzunähern. Der Student fühlt sich von der morbiden Schönen seltsam angezogen und merkt erst spät, dass sie keinen Geruch und eine seltsam blasse Haut hat.

So entspannt sich eine ganz eigene Liebesgeschichte, bei deren Erzählung Benjamin Lebert virtuous mit verschiedenen Erzählebenen spielt und Elemente der klassischen Liebes- und Gespenstergeschichte kunstvoll zu einem atmosphärisch dichten Roman verschmilzt, der nicht nur an der Nordseeküste seine Leser finden dürfte.

 

Lohnt sich der Kauf?

Mit „Mitternachtsweg“ ist Benjamin Lebert sein bisher vielleicht bester Roman gelungen. Das einstige Wunderkind ist erwachsen geworden und hat sich von alten Gewohnheiten emanzipiert. Wirkten alte Lebert-Romane teilweise noch ziemlich eindimensional, punktet „Mitternachtsweg“ durch seine mehrschichtige Erzählweise und entführt den Leser in eine schaurig-schöne Welt, in der es um weit mehr als nur Liebe geht.

Wer Benjamin Lebert – so wie ich – um die Jahrtausendwende durch Bücher wie „Crazy“ und „Der Vogel ist ein Rabe“ kennengelernt hat, wird positiv überrascht sein, wie sehr sich der Autor und sein Schreibstil gewandelt haben. Lebert zählte schon damals zu den großen Literaturhoffnungen und zeigt mit „Mitternachtsweg“ (endlich), dass er diesem Ruf gewachsen ist und sich darauf versteht, großartige Romane zu schreiben.